Wir starteten an einem herrlich sonnigen Oktoberwochenende im schönen Berlin in unser erstes Stronger Together. Aus ganz Deutschland trafen die Teilnehmenden nach und nach im Hotel Rossi ein, wo es ein Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern, aber auch ein Kennenlernen mit einigen Neuzugängen gab. In der Hotellobby wurde erste Bekanntschaft mit unseren Coaches Daniel und Andreas geschlossen, die uns das ganze Wochenende begleiten sollten. Hier kamen wir schon lachend über den ersten Running Gag des Wochenendes ins Gespräch: unsere Coaches erzählten uns von den vier Persönlichkeitstypen nach Beck. Sind wir eher der Wal, der stets bereit ist zu helfen, der Hai, der nach großem Erfolg strebt, die Eule, die ihr Leben analytisch vorausplant oder der Delfin, der immer für gute Stimmung sorgt?
Um 17 Uhr starteten wir mit delfiniger Laune mit der Willkommensrunde: Jede*r Teilnehmende durfte sich einen ermutigenden Satz wie „Ich bin genug“ oder „Ich bin wertvoll“ aus der gestalteten Mitte ziehen und sich vorstellen. Einstiegsfragen waren beispielsweise: „Wo fühlst du dich richtig wohl?“ und „Womit können dir deine Freunde eine Freude machen?“ Anschließend begaben wir uns zum Abendessen ins Hotelrestaurant. Danach begann das Abendprogramm mit einer „Mediation & Paint“-Session mit einer Berliner Künstlerin. Sie lud uns mit aromatischen Ölen und einer Entspannungsmeditation dazu ein, unsere Emotionen auf Leinwand zu bannen. Im Anschluss besprachen wir unsere Eindrücke aus dem Workshop bei einem kühlen Getränk in der hoteleigenen Rooftop-Bar hoch über den Dächern Berlins und ließen den Abend ausklingen.
Am Samstag stand uns mit dem Workshop zu Selbstakzeptanz, Selbstwert und Selbstliebe eine besondere Herausforderung bevor. Diese Themen nehmen in unserer Gesellschaft noch längst nicht den Raum ein, den sie dringend bräuchten. Viele Menschen haben nicht die Gelegenheit – oder das Privileg –, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Für Menschen mit chronischer Erkrankung wird das besonders spürbar, werden doch oft körperliche Beschwerden durch Operationen, Medikamente oder Physiotherapie behandelt, während das Mentale hinten angestellt wird.
Der aktuellen Studienlage zufolge kommen nur etwa 3 % aller Menschen mit Behinderung in Deutschland mit ihrer Behinderung zur Welt. Wir gehören also zu den wenigen, die mit einer Erkrankung aufwachsen und werden geprägt von einer Kindheit, die nicht selten voller Einschnitte ist – Krankenhausaufenthalte, übergriffige Ärzte, Dinge, die gegen unseren Willen geschehen oder eine ständige Sonderbehandlung. In vielen Fällen ist unsere Erkrankung sichtbar und prägt unser körperliches Erscheinungsbild. Nicht wenige erfahren dadurch Mobbing oder Diskriminierung – Erfahrungen, die Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz nachhaltig beeinflussen.
Mit unseren wunderbaren Coaches, Daniel und Andreas, durften wir nun in dieses herausfordernde Thema starten. Unser Einstieg war eine gestaltete Mitte: Jeder legte einen Gegenstand hinein, der ihm oder ihr am Herzen liegt oder beschreibt. Eine wunderbare Möglichkeit, einander kennenzulernen – und gleichzeitig zu erkennen, wie vielfältig unsere Gruppe ist. Mit der Anfangsfrage „denke einmal an drei wichtige Personen in deinem Leben“ wurde direkt ein Gedankenexperiment gewagt – die wenigsten zählten sich selbst zu diesem Personenkreis. Weiter ging es mit dem Selbstbild – male dich! Male in Blau, was du magst, und in Rot, was du nicht magst. Was unseren Coaches im Gegensatz zu ihren regulären Kursteilnehmenden auffiel: Fast alle griffen sofort zum blauen Stift. Auch malten viele ihren Körper, und zwar aus der Draufsicht - also so, wie andere ihn sehen – eine Perspektive, die zeigt, dass wir oft von außen betrachtet und bewertet werden.
Anschließend durften wir auf einer Reise in die Vergangenheit unser inneres Kind kennenlernen. Was hat es erlebt? Was hat es durchgemacht? War es allein? Hatte es Angst? Diese Aufgabe war besonders berührend und gleichzeitig beklemmend, denn viele von uns hatten bereits im sehr frühen Kindesalter prägende Erfahrungen gemacht, etwa bei Operationen und Krankenhausaufenthalten oder im Kontext mit Eltern, die selbst hilflos und überfordert waren. Wie schön, dass wir uns in diesem Personenkreis so fallen lassen und auch die aufkommenden Emotionen gemeinsam auffangen konnten.
Während des Workshops durften wir den anderen Teilnehmenden kleine Zettelchen mit lieben Worten zustecken. Zum Beispiel: „Du bist mutig“, „Du hast eine positive Ausstrahlung“ oder „Danke, dass du dich uns mitgeteilt hast“. So war der ganze Samstag gespickt mit schönen, manchmal heimlichen Momenten und viel Grinsen, wenn ein Zettelchen den Weg zur gewünschten Person gefunden hatte.
Nach einem leckeren Mittagessen gingen es wieder in den Workshop, wo nun das Thema Maskierung auf dem Plan stand. Welche Angewohnheiten haben wir entwickelt, um uns anzupassen und uns zu verstecken? Jede*r durfte eine Maske aus Pappmaché beschriften: mit dem, was wir nach außen zeigen, und dem, was wir lieber nach innen kehren. Anschließend konnte man mit der Maske herumgehen –im Seminarraum, durch das Hotel oder auch draußen auf der Straße. Manche ließen die Maske auf, andere drehten sie von innen nach außen. Wir waren erstaunt, wie ähnlich doch viele unserer Coping-Strategien waren, die wir als chronisch kranke Menschen entwickelt hatten. Da wären zum Beispiel Perfektionismus, lustig sein oder unsere Erkrankung überspielen, um Situationen für Nicht-Betroffene angenehmer zu gestalten. Gleichzeitig schauen wir viel nach anderen, sind oft „People-Pleaser“ und stecken eigene Bedürfnisse für andere zurück. Klassischer Wal eben. Oder wir kontrollieren und planen unser Leben, um uns vor bösen Überraschungen und unangenehmen Momenten zu schützen – da handelt dann wohl die Eule in uns.
Mit der abschließenden Methode lernten wir, uns ein neues Ziel zu setzen und dafür intrinsische Motivation herauszuarbeiten. Wir wählten aus einem bunten Sammelsurium eine Postkarte, die uns spontan ansprach und arbeiteten heraus, warum wir uns für sie entschieden hatten. Mithilfe der Gruppe befüllten wir anschließend einen Ideenkorb und formulierten ein konkretes Ziel, das wir uns für die kommenden Wochen setzen wollten, etwa „ich darf auf meinen Körper hören“, oder „ich darf mehr Raum einnehmen“. Neben zahlreichen schönen Erinnerungen und Momenten begleiten uns nun auch diese Mottos über das Wochenende hinaus. Zum Abschluss blickten wir noch einmal auf die gestaltete Mitte. Wie sehen wir uns und den heute Morgen mitgebrachten Gegenstand nun? In der Reflexionsrunde überwog auf allen Seiten das Gefühl der Dankbarkeit, sich in dieser Runde besonders verletzlich zeigen zu können und den Raum miteinander zu teilen. Den Raum, in dem man sich nicht erklären muss.
Für das Abendprogramm hieß es heute: Hauptstadt erleben und raus in die Nacht! In Berlin, der Stadt der Möglichkeiten, gab es für uns heute Griechisch – natürlich vegan. Bei Drinks, Moussaka und Tzatziki ließen wir den Tag Revue passieren, tauschten uns über alles Mögliche aus, lachten viel und stellten fest, wie ähnlich sich doch oft unsere Biografien sind.
Für alle, die nach diesem Tag noch einen Funken Energie übrig hatten, ging es nun zum Klunkerkranich, einem urbanen Dachgarten auf einem Parkhaus in Neukölln. Wie es sich für Berlin gehört, genossen wir bei Drinks und Technobeats die Aussicht über die pulsierende Hauptstadt. Die Idee mit den ermunternden Zetteln haben wir übrigens beibehalten und sie jeder lieben Person auf unserem Weg zugesteckt, zum Beispiel den Kellnern im Restaurant oder den Menschen an der Kasse des Klunkerkranich. Letzteren erzählten wir vom Bundesverband, woraufhin sie uns kurzerhand den Eintritt spendierten.
Am Sonntagmorgen fand zunächst eine Abschlussrunde mit den Coaches und anschließend eine Session Wohlfühlyoga statt. Hier wurde auf alle Bedürfnisse geachtet. Dein Bein ist nicht so belastbar? Dein Kopf sollte nicht herunterhängen? Dann versuch’s doch mal so – hier kamen alle auf ihre Kosten und durften ihren Körper bewegen, wie es sich im Moment richtig anfühlte. Nach einem ausgiebigen Frühstück und geselligem Beisammensitzen in der Hotellobby sammelten wir Ideen und Wünsche für ein weiteres Stronger Together im Jahr 2027. Wir stellten fest, der Bedarf ist da – Bedarf an Austausch, Unterstützung, Wut im Bauch rauslassen – und gemeinsam wachsen. Ob nun Eule, Wal oder Delfin – definitiv stronger together verließen wir die Hauptstadt und freuen uns schon auf das nächste Wiedersehen.
Wir bedanken uns bei unseren Coaches, sowie der DAK, die uns diese Maßnahme ermöglicht zu haben, und hoffen auf eine Wiederholung 2027.
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