Page 49 - Das Magazin 2019
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 Oktober 2019
  Haus in Kassel wieder aufgebaut und ich konnte zu- rück zu meinem Vater und meinen Geschwistern nach Kassel kommen. Es herrschten ohne meine Mutter cha- otische Verhältnisse in unserem Alltag. Mein Vater hatte alle Hände mit dem Wiederaufbau seiner Firma zu tun und konnte sich wenig um uns kümmern. In Ulm war ich schon ein halbes Jahr in die Schule gegangen, was laut meiner Tante problemlos war. In Kassel kam ich in die erste Klasse der Bürgerschule und mußte meine rote Fle- cken erneut erklären. Gehänselt wurde ich aber nur we- gen eines fehlenden Schneidezahns, den ich bei einem Spielunfall auf dem Schulhof verloren hatte. Alle nann- ten mich nur noch Opa, was mich schon störte.
Anfang 1951 kam eine Kusine meiner Mutter zu uns. Sie übernahm den Haushalt und brachte uns und den Haus- halt mit militärischer Disziplin in Schwung. Sie sagte mehre Wochen lang zu mir: „Werner, steh gerade“, was mir nicht gelang. Daraufhin wurde ich an einem Sonntag von meiner Tante und meinem Vater nackt auf den Ess- zimmertisch gestellt und begutachtet.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie sie mir Achtjährigem dann ein Buch nach dem anderen unter meinen rechten Fuß gescho- ben haben, bis ich gerade stand.
Mein Vater ist dann mit mir zu einem ihm bekannten Orthopäden gefahren, der angeordnet hat, dass mein rechter Schuh um die fehlenden Zentimeter erhöht wer- den muss. Mein linkes Bein sollte ich jeden Morgen mit einem Luffaschwamm massieren. Er konnte auch keinen Namen für mein Syndrom nennen. Je älter ich wurde, umso gravierender wurde der Längenunterschied. Ab meinem 15. Lebensjahr musste ich einen separaten, von einem orthopädischen Schuster angefertigten rechten Innenschuh tragen, um den Längenunterschied auszu- geichen. Mein rechter Fuß sah ab dieser Zeit, nach mei- nem Empfinden, aus wie ein Klumpfuß. Das hat mich als Pubertierenden sehr gestört. Außerdem hatte mir ein Arzt geraten, meinen linken Unterschenkel mit einer Kompressionsbinde zu wickeln, weil sich das Blut und die Lymphe immer mehr in dem Bein stauten.
1952 hat mein Vater wieder geheiratet, mit meiner Stief- mutter habe ich mich sofort gut verstanden. Sie stellte bald fest, dass ich auf der staatlichen Schule nicht zu- rechtkam, und so wechselte ich zur Waldorfschule in die dritte Klasse. Es gab natürlich wieder die üblichen Fra- gen wegen meiner Flecken und meine Standardantwort dazu.
In den Jahren bis zur zwölften Klasse war immer ein au- ßergewöhnlich guter Geist des Miteinander in unserem Klassenverband, der dazu geführt hat, dass ich noch bis heute mit vielen Klassenkameraden und Klassenka- meradinnen freundschaftlich verbunden bin. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meiner Schulzeit auf der Waldorfschule gehänselt oder gemobt worden bin.
Mit 18 Jahren habe ich von einem jungen Arzt erstmals erfahren, dass ich ein soge- nanntes Klippel-Trenaunay-Syndrom habe.
Er war der Nachfolger unseres Hausarztes, holte ein Buch aus dem Schrank und zeigte mir Fotos von einem Mann, der in etwa die Flecken aufwies, wie ich sie habe. Ich habe ihn gefragt, ob das Syndrom vererbbar ist, was er verneinte. Das hat mich sehr erleichtert, denn mein Traum war es trotz meiner Flecken zu heiraten und eine Familie zu gründen. Außer der Kompressionstherapie für meinen Unterschenkel, die ich fortführen sollte, hatte er keinen Rat, wie ich mit den Stauungen in meinem linken Bein umgehen sollte.
Nach der zwölften Klasse bin ich von der Schule abge- gangen, habe ein 2-jähriges technisches Praktikum ab- solviert und Maschinenbau auf einer privaten Ingenieur- schule studiert und abgeschlossen.
1966 - ich war 23 Jahre alt - entschloss ich mich, meinen Unterschenkel nach einer da- mals neuen Methode zu verlängern.
Dazu wurde von Professor Wagner an der Universitätskli- nik in Münster das Wadenbein durchtrennt und an mein Schienenbein angelegt. Sechs Wochen später erfolgte dann die Verlängerungsoperation. Dafür wurde mein Un- terschenkel kurz unterhalb des Kniegelenks und ober- halb des Knöchelgelenks durchbohrt, durch die Löcher wurden Rostfreistahlstäbe geschoben. Die beiden Stä- be wurden dann in einem Gestell mit Gewindestangen rechts und links vom Unterschenkel verbunden. Nach- dem das Schienbein in der Mitte Z-förmig durchgesägt worden war, sollte ich mit großen Rändelschrauben, die auf den Gewindestangen angebracht waren, jeden Tag meinen Unterschenkel um einen Millimeter verlängern. Nachdem ich fünf Zentimeter Verlängerung geschafft hatte, bekam ich eine Infektion in der Operationswunde. Es mußte im Abstand von ein bis zwei Wochen insgesamt fünf Mal nachoperiert werden, bis die Infektion besiegt war. Nach sechs Monaten konnte ich die Klinik verlassen. Es hat dann noch anderthalb Jahre gebraucht, bis ich wieder richtig auf den Beinen war, da ich mir zwischen- durch das Schienbein zwei Mal angebrochen hatte.
Meine Zeit als Unternehmer mit KTS
Mein Vater starb 1971 und hinterließ mir und meinem zehn Jahre jüngeren Bruder jedem 50% Anteile an un- serer Firma. Für mich war nun vorgezeichnet, dass ich möglichst bald in die Geschäftsleitung eintreten musste. Mir war klar, daß ich ohne betriebswirtschaftliche Kennt- nisse unser Unternehmen nicht qualifiziert würde führen können, und so begann ich ein Betriebswirtschaftstudi-
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