Page 32 - Das Magazin 2019
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 Oktober 2019
  Hilfe Pubertät! Wenn chronisch kranke Kinder erwachsen werden
Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, weniger Interesse an Familienaktivitäten, Orientierung an Freunden und Youtubern... Neben den körperli- chen Veränderungen wie Zunahme der Körperbe- haarung, Stimmbruch oder Brustentwicklung sind dies deutliche Zeichen für die Pubertät.
Die Pubertät ist eine wichtige Lebensphase, denn wäh- rend dieser Zeit bereiten sich die Jugendlichen auf das Erwachsenenleben vor. Bald wird der junge Mensch sein eigenes Leben führen, mehr oder weniger unabhängig von seinen Eltern. Dafür muss er sich jedoch erst einmal von ihnen abgrenzen und seinen eigenen Weg finden. Dies ist bei chronisch kranken Jugendlichen nicht anders als bei gesunden Gleichaltrigen. Trotz Handicap müssen sie beispielsweise ihre berufliche Zukunft planen, ihre Geschlechterrolle definieren und lernen, ihren Körper zu akzeptieren.
Hinzu kommt eine weitere große Auf- gabe: Sie müssen die Verantwortung für ihre Erkrankung übernehmen.
Das Finden des eigenen Wegs ist nicht immer einfach
Während der Kindheit liegt die Verantwortung für die Therapie eines Kindes bei den Eltern. Sie sorgen dafür, dass die Behandlung zuverlässig umgesetzt wird und dass es ihrem Kind gut geht. Das erfordert von den El- tern viel Einsatz, Durchhaltevermögen und Selbstauf- gabe und führt nicht selten zu eigener körperlicher und psychischer Erschöpfung.
Dr. Gundula Ernst
Mit der Pubertät ändert sich die Situation. Aus dem Kind wird ein Jugendlicher, und dieser muss lernen, selbst für sich und seine Krankheit zu sorgen. Wie das vonstatten- geht, ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Einige Heranwachsende sind schon sehr früh selbständig, an- dere sind eher zögerlich oder durch ihre Erkrankung ge- handicapt. Bei einigen Erkrankungen bedarf die Thera- pie viel Können, bei anderen müssen nur wenige Regeln beachtet werden. Jede Familie muss also ihren eigenen Weg finden.
Wer übernimmt wieviel Verantwortung?
Es lohnt sich, einmal alle Aufgaben aufzulisten, die re- gelmäßig beim Krankheitsmanagement anfallen, wie zum Beispiel selbständiges Erinnern und Durchführen der täglichen Therapie, Vereinbaren von Behandlungs- terminen, Besuche beim Arzt und anderen Therapeuten, Besorgen von Rezepten und Medikamenten.
In einem nächsten Schritt kann die Familie dann überle- gen, wie diese Aufgaben innerhalb der Familie verteilt sind. Wenn der Jugendliche bereits jetzt die meisten Aufgaben selbständig erledigt, ist die Familie gut gerüs- tet für die Zukunft.
Wenn der Jugendliche bisher nur einen kleinen Teil der Aufgaben übernimmt, sollte die Familie gemeinsam überlegen, wie der Jugendliche in die neue Verantwor- tung hineinwachsen kann:
Was traut er sich zu? Bei welchen Aufgaben bedarf es noch Hilfe? Was ist nötig, damit der Jugendliche diese Aufgabe(n) überneh- men kann?
Abgabe der Verantwortung ein Risiko?
Eltern sehen den Veränderungen oft mit gemischten Ge- fühlen entgegen. Auf der einen Seite freuen sie sich, dass ihre Kinder trotz Handicap immer selbständiger werden. Auf der andere Seite sind sie aber besorgt, dass die The- rapie dann nicht mehr so gut und zuverlässig durchführt wird, so dass sich der Gesundheitszustand verschlech- tert. Außerdem befürchten sie, keinen Einblick mehr in diesen wichtigen Lebensbereich ihres Kindes zu haben. Für die Jugendlichen ist es jedoch wichtig, diesen Teil ih- res Lebens in naher Zukunft selbst zu managen. Schließ- lich werden die Eltern nicht immer für sie sorgen kön- nen. Sicherlich läuft zu Beginn noch nicht alles optimal, aber mit der Zeit wird es immer besser klappen.
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