Page 49 - Das Magazin 2018
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  Dezember 2018
  Während der nächsten zwei Stunden erklärt Sarah, um wieviel einfacher ihr Leben seit damals geworden ist. Natürlich habe sie ab und an Schmerzen, oder die Pro- these drückt. Aber sie habe den Schritt nie bereut. Und auch bei dem Arzt, der sie nach der Amputation begleitet habe, fühlt sie sich gut aufgehoben. Den Rest des Tages kann Katrin sich nicht mehr auf ihre Arbeit konzentrieren. Ständig wandern die Gedanken ab. Was wäre, wenn Sie dieses blöde Bein nicht mehr hätte? Wenn wenigstens der Unterschenkel weg wäre und sie wieder schwimmen gehen könnte? Ob mit oder ohne Prothese, ist doch egal! Ihren schicken Rolli mag sie sowieso.
Sie nimmt all ihren Mut zusammen und ruft Sarahs Arzt an: "Ich bin bereit!"
Sie hat damit gerechnet, dass der Arzt versucht ihr das auszureden: "Wir können ja erst Mal was anderes versu- chen", "Es gibt ganz tolle Schmerzmittel heute". Sie hatte sich dafür schon Erwiderungen bereit gelegt, denn wenn Sie sich schon mal zu diesem Schritt durchgerungen hat, dann soll sie davon auch niemand wieder abbringen. Der Arzt antwortet nur ganz ruhig: "Ich kann diesen Wunsch gut verstehen!"
Nun ging alles ganz schnell. Zwei Tage später saß sie bereits im Auto auf dem Weg zum Arzt. Dort haben sie gemeinsam überlegt, welches Risiko besteht. Die Ultra-
Was hast Du da für rote Flecken?
schalluntersuchung lässt den Schluss zu, dass das Risi- ko einer Wundheilungsstörung gering gehalten werden könnte. Natürlich müsse man noch eine Angiografie ma- chen, um das zu bestätigen. Aber eigentlich sollte auch einer Prothese und damit dem Laufen nichts im Wege stehen. Bereits auf dem Heimweg hat Katrin große Prob- leme, sich auf den Verkehr zu konzentrieren.
Prothese? Heißt dass, sie könnte kleine Strecken wieder laufen? Vielleicht sogar größere Strecken?
Und könnte sie dann auch wieder gleichgroße Schuhe anziehen? Ach ja, und sie würde wieder aufrecht stehen können, da ja die Länge der Beine dann auch angegli- chen wird. Sie bräuchte auch kein Verbandsmaterial für die Wunden am Unterschenkel mitnehmen. Vielleicht könnte sie sogar ein Kleid anziehen, niemand würde mehr auf ihr lila Bein schauen.
Bis zum OP-Termin vergehen allerdings noch ein paar Wochen. So lange werden in ihrem Kopf wohl noch so einige Szenarien ablaufen. Aber sie freut sich auf diesen neuen Abschnitt.
   (Anmerkung der Redaktion:
Ein weiteres Kapitel mit dem Titel "1975" wurde in Aus- gabe 1 des MAGAZINs veröffentlicht.)
 Werner Siebert
      Menschen, die mit Feuermalen auf die Welt ge- kommen sind, werden oft gefragt, was das ist. Mir ist hierzu etwas eingefallen:
Seit meiner Geburt ist meine gesamte linke Körperhälfte mit Feuermalen bedeckt. Vor einiger Zeit sind wir mit un- seren zwei Enkeln nach Fuerteventura in den Urlaub ge- fahren. Es war sehr schönes Badewetter, und ich bin mit den Enkeln in den Hotelpool zum Schwimmen gegan- gen. Die Enkel haben ausgiebig gebadet, und ich hatte mich auf eine Liege zurückgezogen und schaute zu. Da kam ein kleines Mädchen, ungefähr dreieinhalb Jahre alt, auf mich zu und fragte auf kindlich unverblümte Weise: „Was hast Du da für rote Flecken?“ Dem Mädchen habe ich Folgendes geantwortet:
„Als ich geboren werden sollte, hat der liebe Gott gerade den Pinsel mit der roten Farbe in der Hand gehabt, um den Sonnenaufgang zu malen. Ein paar Tropfen von seinem Pinsel sind auf mich gefallen. So habe ich meine roten Flecken bekommen.“
 Mit dieser Erklärung war das Mädchen zufrieden.
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Foto: © Kathrin Sachse
















































































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