Page 48 - Das Magazin 2018
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 Dezember 2018
  2018 ("Katrin")
Es ist heiß! Dass man sich in Hamburg mal wünschen würde, dass es regnet, hätte sich Katrin nicht träumen lassen. Hier erkennt man den Sommer ja in der Regel daran, dass der Regen wärmer ist.
In diesem Jahr erreichen die Temperaturen an mehre- ren Tagen hintereinander 37 Grad. Katrin sitzt an Ihrem Schreibtisch und versucht irgendeine Sitzposition zu fin- den, bei der das Bein nicht zu sehr schwitzt und trotz- dem die Schmerzen erträglich sind.
Sie würde sich gern hinlegen, aber der Job muss ja gemacht werden.
Außerdem steht ein Patiententreffen an, und sie ist dafür zuständig ans Telefon zu gehen und die Fragen der Gäste zu beantworten. Und von denen soll niemand merken, dass es ihr nicht gut geht.
Das Telefon klingelt, also das gute-Laune-Gesicht aufset- zen und mit freundlicher Stimme den Hörer abnehmen. Es ist Sarah. Die junge Frau begleitet Katrin seit vielen
anonym
Jahren. Als Sarah 12 Jahre alt war, war es ihr sehnlichs- ter Wunsch, ihr Bein mit der Fehlbildung amputieren zu lassen. Doch kein Arzt wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Sie sei zu jung, vielleicht findet man ja doch noch eine Heilungsmöglichkeit. Sarah ließ sich aber nicht beirren und fand schließlich einen netten Arzt, der dazu bereit war. Heute studiert sie und ist mit ihrer tollen Fußpro- these glücklich.
Katrin beneidet sie seitdem, sie hätte auch gern den Mut zu diesem Schritt aufgebracht, aber wer weiß, ob die Wunde bei ihr verheilen würde. Wäre der Rest des Beines dann überhaupt in der Lage, eine Prothese auf- zunehmen? Was würde ihr Mann dazu sagen? Hätte sie vielleicht danach mehr Schmerzen als jetzt? Und dann gibt es ja auch noch diese Phantomschmerzen. Ist da nicht viel zu viel Blut in dem Bein, und sie würde bei der OP verbluten? All diese Fragen haben sie bisher von die- sem Schritt abgehalten.
Heute jedoch, während des Gesprächs mit Sarah, kommt die Frage von ganz allein: "Hast Du diesen Schritt je bereut?"
   Die große Herausforderung des Lebens liegt darin,
die Grenzen in dir selbst zu überwinden und so weit
zu gehen, wie du dir niemals hättest träumen lassen. (Paul Gauguin )
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