Page 33 - Das Magazin 2018
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 Patient: "Ich erwarte, dass die moderne Medizin meine Schmerzen vollständig beseitigt! Auch in den Medien habe ich gelesen, dass heute kei- ner mehr leiden müsse und dass es ein Recht auf Schmerzfreiheit gebe!"
Arzt: "Selbstverständlich, ich kann Ihrem Wunsch entsprechen. Wir können innerhalb von 30 Se- kunden sämtliche Schmerzen ausschalten. Dazu leiten wir eine Vollnarkose ein."
Schmerz ist subjektiv, es gibt keinen objektiv messba- ren Schmerz. Er wird kulturell und sozial unterschiedlich erlebt und bewertet. Wir müssen individuell lernen, mit Schmerz umzugehen.
Akuter Schmerz erfüllt eine wichtige, war- nende Signalfunktion im Körper. Chronischer, dauerhafter Schmerz aber will nicht vergehen. Er ist sinnlos geworden.
Er kann unsere Selbstwahrnehmung verändern, manch- mal auch unsere Persönlichkeit, er kann unser Leben be- stimmen. Geht die Schmerzsteuerung verloren, entsteht ein Schmerzgedächtnis im Gehirn und verbindet Körper, Geist und Seele.
Bei der Versorgung von Patienten mit chronischen Schmerzen gibt es noch immer große Defizite in Deutschland. Im Medizinstudium existieren kaum verän- derte Lehrpläne. Immer wieder werden die Schmerzen der Patienten von ihren Ärzten nicht ernst genommen oder nicht als behandlungsbedürftig anerkannt.
In Deutschland werden über drei Milliarden Schmerzta- bletten im Jahr eingenommen - meist ohne Arztbeglei- tung. Acht Milllionen Menschen in Deutschland nehmen täglich Schmerzmittel, oft ohne das hohe Risiko von Nebenwirkungen wie beispielsweise einer Nierener- krankung wirklich zu kennen. Allein die Lufthansa ver- teilt 1,2 Millionen Schmerztabletten im Jahr (Quelle: FAZ vom 30.06.2014, von Joachim Müller-Jung). Das sind 3287 Schmerztabletten pro Tag, alle 30 Sekunden eine Schmerztablette!
Die frei verkäuflichen Schmerzmittel wie Paracetamol und Ibuprofen haben aber Nebenwirkungen und können neben Organschäden nachweislich auch einen operati- ven Heilungsprozess behindern und zu Beeinträchtigun- gen bei Wundheilung und Nahtverschluss führen. Für Ungeborene bedeuten sie sogar ein Gesundheitsrisiko. Noch bis in die 80er Jahre wurden die Früh- und Neu- geborenen ohne ausreichende Schmerzblockaden ope- riert, bis eine Mutter Fragen stellte. Kanwaljeet Anand, indischer Arzt, veröffentlichte erst 1987 Studien zu Schmerzempfinden und Schmerzäußerungen bei Babys
Maria Bäumer
und setzte das Umdenken in Gang. Heute erhalten auch Babys Schmerzmittel bei Eingriffen. Vor über zehn Jah- ren veröffentlichte Anand Studien zu Langzeitfolgen bei Kindern mit frühen starken Schmerzerlebnissen. Er stell- te folgende Veränderungen fest: veränderte Ängstlich- keit und Schmerzempfindung, selbstzerstörerische Ver- haltensweisen, soziale Fähigkeiten können vermindert sein, Auftreten von Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen.
"Im Moment braucht ein chronischer Schmerzpatient zwei Jahre, bis er zur richtigen Diagnose kommt", sagt der Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, Pro- fessor Wolfgang Koppert. Dann brauche es in der Regel noch einmal zwei Jahre, bis der Patient eine adäquate Therapie bekomme.
Patienten können heute aber einen Facharzt für Schmerz- behandlung aufsuchen oder sich dorthin überweisen lassen. Für Kinder und Jugendliche bietet zum Beispiel die Schmerzklinik in Datteln einen stationären Bereich, für Erwachsene zum Beispiel das Schmerzzentrum in Frankfurt eine ambulante Versorgung.
u www.deutsches-kinderschmerzzentrum.de u www.schmerzzentrum-frankfurt.de
Die Entwicklung von Schmerzpraxen und Schmerzzent- ren ist erfreulich, und einige Mitglieder des BV können bereits über ihre erfolgreiche Therapie berichten.
Die moderne Medizin kann helfen, die Kontrolle über die Schmerzen zum Teil oder ganz zurückzubekommen. Wichtige begleitende Hilfen dabei sind eine individuel- le Medikation, gute soziale Kontakte, Gesprächstherapie, Ausdauersport und Yoga, Geduld und bewusst positive Einflüsse in das eigene Leben zu integrieren.
Dezember 2018
  Schmerz, ein behandelbarer Begleiter
   Ein tierischer Begleiter, im Rucksack, um die Arme für die Gehhil- fen frei zu haben, kann so eine positive Unterstützung sein, wie eine Besucherin des Patienten- und Ärztetreffens demonstrierte.
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Foto: © Kathrin Sachse















































































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