Page 49 - Das Magazin 2017
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Juni 2017
  Nach Beendigung der Lehrzeit wollte die junge Frau neue Erfahrungen sammeln und wechselte nach Tirol. Sie nahm dort eine Saisonstelle in der Nähe von Inns- bruck an und außerdem wollte sie etwas mit ihrem Ge- sicht unternehmen. Die Uni-Klinik in Innsbruck kam ihr sehr gelegen. Sie ließ sich dort untersuchen und fand einen plastischen Chirurgen, der ihr versprach, dass er die Sache schon „richten“ werde. Er machte ihr große Hoffnungen, doch ging es wieder schief. Außer vielen Schmerzen nach dem Eingriff blieb alles beim alten.
Ein Mann tritt in ihr Leben.
Mittlerweile war sie 19 Jahre und todunglücklich mit ihrem Äußeren. Sie ging zurück nach Hause und folgte dort der Bitte ihrer Schwester, die inzwischen Hotelche- fin war, ihr im Hotel auf der Tauplitzalm auszuhelfen. Es kamen viele Reisebusse, und es gab viele Gäste für Gab- riela zu betreuen. Einer davon war ihr zukünftiger Ehe- mann. Einige Saisons hindurch arbeitete sie dort, und er kam sie so lange regelmäßig besuchen, bis sie merkte, dass er es tatsächlich ernst meinte. Er mochte sie um ih- rer selbst willen!
Der Liebe wegen gab sie ihren Beruf auf und zog mit ihm nach Oberösterreich. Sie tauschte das Leben auf dem Bauernhof mit Natur und Freiraum gegen eine Wohnung und versuchte sich anfangs in einem „normalen“ Job. Aufgrund ihres Äußeren waren ihre Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Und da ihr der Kontakt zu den Menschen fehlte, war sie umso glücklicher, als ihr eine Stellung in einem Haushalt angeboten wurde, den sie eigenverant- wortlich führen durfte. Dennoch sah es in ihrem Inne- ren düster und traurig aus. Angst und Unsicherheit be- herrschten sie, und immer öfter griff sie zum Alkohol, um diese Gefühle zu betäuben.
Zwei Töchter kommen gesund ins Leben.
Fünf Jahre lebte sie nun schon in Oberösterreich, und dann folgte die Hochzeit. Um das Glück zu vollenden, fehlten Kinder. Jahrelang haderte sie mit sich, doch da es der sehnlichste Wunsch ihres Mannes war, warf sie alle Bedenken über Bord und wurde schwanger. Neun Monate lang lebte sie mit der Angst, dass ihr Kind die- selbe Krankheit haben würde wie sie. Diese Bürde und das damit verbundene Leid wollte sie niemandem zumu- ten. Deshalb wollte sie nie Kinder haben. Wider Erwarten verlief die Geburt rasch und problemlos für die junge Mutter, und ihre Tochter war gesund. 18 Monate später folgte die zweite Tochter, auch sie war kerngesund!
Von nun an blieb sie zuhause und kümmerte sich um ihre Kinder und den Haushalt. In den eigenen vier Wänden konnte sie so sein, wie sie war, sie brauchte sich nicht zu verstecken. So sehr ihr jedoch der Kontakt zu anderen Menschen fehlte, so sehr fürchtete sie sich auch vor den neugierigen und fragenden Blicken der Leute auf der Straße.
Dieser Kreislauf steigerte ihre Ängste und ihre Unsicherheit und zog sie immer wieder zum Alkohol.
Sie trank, um Selbstbewusstsein zu bekommen, um lo- ckerer zu werden und mit der Realität besser umgehen zu können. Obwohl ihr Körper den Alkohol gar nicht ver- trug, sah sie keinen anderen Ausweg. Sie reagierte jedes Mal mit Erbrechen darauf, was ihr wiederum im Gesicht weh tat. Jede kleinste Anstrengung, viele Bewegungen und selbst feine Erschütterungen lassen ihre Krankheit noch stärker hervortreten und bereiten ihr überdies gro- ße Schmerzen.
„Die ärgste Krankheit ist die Einsamkeit.“
Alleine ihr Verantwortungsgefühl und die Liebe zu ihren Kindern ließ sie durchhalten und immer wieder aufste- hen. Wenn sie Erledigungen mit dem Auto machte und mit ihren Kindern unterwegs war, war Alkohol für sie ab- solut tabu. Das bewahrte sie vor Schlimmerem.
Ihre Töchter wuchsen gesund heran, fast erwachsen durf- ten sie selbst entscheiden, welchen Weg sie gehen woll- ten. Dieses Geschenk an die beiden war Gabriela sehr wichtig, nun stand ihr ein neuer Lebensabschnitt bevor. Durch die Selbständigkeit ihres Nachwuchses und nach insgesamt vier erfolglosen, operativen Eingriffen, ge- langte sie neuerlich an einen Tiefpunkt. Sie entschied, niemals mehr an ihrem Körper herumschneiden zu las- sen und verabschiedete gleichzeitig auch jegliche Hoff- nung auf Besserung. All die unerfüllten Versprechungen der Ärzte ließen sie jedes Mal noch ein Stückchen tiefer in das schwarze Loch fallen, aus dem sie nun beinahe nicht mehr heraufkommen wollte. Alkohol, Depressio- nen und einige Selbstmordversuche waren die traurigen Zeugen ihrer Verzweiflung.
   Gabriela Stadlmann
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