Page 48 - Das Magazin 2017
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 Juni 2017
  „Durch meine Krankheit lernte ich Selbstliebe!“
Interview von Gabriela F. Hirtl
Am Tisch mir gegenüber sitzt eine Frau im besten Al- ter, attraktiv und selbstbewusst, und wenn man nicht genau hinsieht, fällt einem ihre Beeinträchtigung nicht einmal auf. Dank moderner Medizin, einem guten Arzt und etwas Schminke darf Gabriela Stadlmann ihrem kommenden 50. Geburtstag durchaus zu- versichtlich entgegensehen. Jetzt endlich, denn ihr Leidensweg begann bereits bei ihrer Geburt.
Ein Feuermal mitten im Gesicht.
Als Nachzüglerin und Nesthäkchen kam sie als sechste nach fünf Mädchen auf einem Bauernhof in der Steier- mark zur Welt. Ein dunkelrotes Feuermal erstreckte sich deutlich sichtbar über die gesamte linke Gesichtshälfte, doch sonst war sie gesund. Ihre Eltern machten sich gro- ße Sorgen wegen dieses Mals und fuhren regelmäßig mit ihr zum Arzt. Die Kleine weigerte sich stets und weinte so heftig, dass der Vater schließlich aufgab und ebenso die Behandlungen einstellte.
Im Alter von 3-4 Jahren begann plötzlich auf dem rech- ten Unterkiefer der kleinen Gabriela eine Beule zu wach- sen. Diese wurde immer größer, breitete sich nach oben aus und war auch blutunterlaufen.
Die Ärzte waren einigermaßen überfor- dert, es handelte sich um eine sehr seltene Krankheit und demnach gab es wenig Er- fahrungen und Wissen darüber.
Als sie mit vier Jahren zum ersten Mal operiert wurde, wurde ihrein Gesichtsnervdurchtrennt. Seither zieht der rechte Mundwinkel nach unten.
In der Schule war ihr Aussehen kein großes Thema, ihre Schulkollegen kannten Gabriela ja nicht anders. Obwohl ihr ihre Mutter stets das Gefühl gab, geliebt und willkom- men zu sein, und sie von ihren fünf großen Schwestern umsorgt und gehegt wurde, war sie doch anders und noch dazu beeinträchtigt. Ihre Krankheit war nämlich nicht nur sichtbar, sondern verursachte ihr auch erhebli- che Schmerzen und schränkte sie somit ein.
„Perfektionismus macht das kaputt, was schon gut ist.“
Aufgrund ihrer Andersartigkeit bemühte sich das Mäd- chen umso mehr, das zu können, was auch die anderen konnten. Sie wollte unbedingt dazugehören und dachte, wenn sie alles könne und dabei ist, dann würde sie ak-
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Gabriela Stadlmann
zeptiert werden, dann würde ihre Krankheit nicht mehr ins Gewicht fallen.
In der Pubertät begann sich Gabriela, wie andere Mä- dels auch, für Jungs zu interessieren und hier stellte ihre sichtbare Erkrankung ein großes Handicap dar. Viele wollten nur reden mit ihr, sie war beliebt und gesellig, jedoch war keiner an ihr als Mädchen interessiert. Beruflich war es immer ihr Traum gewesen, Lehrerin zu werden. Da die finanziellen Möglichkeiten der Familie sehr eingeschränkt waren, blieb es bei einem Traum. Des- halb kam ihr das Angebot einer ihrer Schwestern gele- gen. Diese arbeitete bereits in einem Hotel und vermit- telte ihr dort eine Lehrstelle. Ganz wie es ihrem gesel- ligen und kommunikativen Wesen entsprach und ihrer optischen Fehlbildung zum Trotz, entschied sie sich, im Service, mit direktem Kontakt zu den Gästen, zu arbeiten.
Selbstbewusst und voller Freude arbeitete sie, kam sehr gut an bei den Leuten. Ihr Chef glaubte an sie und unterstützte sie, er half ihr, sich zu entfalten und vertraute auf sie.
  Gabriela Stadlmann
 
















































































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