Page 45 - Das Magazin 2017
P. 45

Juni 2017
  auf der ITS (= Intensivtherapiestation) erholte ich mich recht schnell. Und nach weiteren zwei Tagen konnte ich auf die Normalstation gebracht werden, wo eine sehr wechselhafte Zeit begann.
Die Merkmale einer Halbseitenlähmung wurden immer spürbarer. Es war mir nicht möglich, mich selbstständig aufzusetzen oder frei zu sitzen.
Ich konnte meine linke Seite kaum bis gar nicht mehr spüren und bewegen. Hinzu kam ein erhöhter Muskelto- nus im linken Arm, der sehr unangenehm war, und mich ebenfalls noch Wochen begleiten sollte. Gegen die Dop- pelbilder wurde mir eine Augenklappe verordnet, die etwas das Schwindelgefühl milderte und meinen Gleich- gewichtssinn wieder ein wenig stärkte. Als Linkshände- rin fiel mir das selbstständige Essen mit der ungeübten rechten Hand sehr schwer. Durch die mangelnde Bewe- gung wurden die Nächte zu einer schlaflosen Quälerei. Dann begannen die ersten physiotherapeutischen Maß- nahmen mit zwei sehr netten Therapeutinnen. Schon al- lein das Aufsetzen und Aufstehen zeigten mir deutlich meine absolute Hilflosigkeit, weckten jedoch auch mei- nen Kampfgeist, sodass wir nach einigen Tagen mit den ersten mühsamen Gehversuchen beginnen konnten.
Da die Heilung der OP-Narbe sehr gute Fortschritte machte, war das Duschen und vor allem wieder einmal Haarewaschen mit Hilfe meiner Tante und einer Pflegerin ein absolutes Highlight. Völlig erschöpft, aber glücklich lag ich wieder in meinem Bett. Die liebevolle Versorgung durch meine Familie und das Pflegepersonal und die ste- te Gesprächsbereitschaft aller Ärzte gaben mir wieder Auftrieb. Auch die ersten Gehversuche und das Treppen- steigen werden mir immer in Erinnerung bleiben.
Nun gingen meine Mutter und meine Tante auf die Suche nach einer geeigneten Nachsorgeklinik, was gar nicht so einfach war, denn wir wollten möglichst eine Klinik in Heimatnähe. Eine solche Spezialklinik fanden wir nur in Heidelberg, wobei die Aufnahmezahl für Patienten der Stufe II-III begrenzt war. Mit Unterstützung des Sozial- dienstes der Klinik und der Ärzte bekamen wir am 17.02. endlich die Nachricht, dass die Klinik in Heidelberg der Aufnahme zustimmt. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge nahm ich Abschied von den mir lieb gewonnenen Ärzten, Schwestern, Pflegern und meinen beiden Physiotherapeutinnen, die ich für immer in dank- barer Erinnerung behalten werde.
Und dann begann am 18. Februar die bisher größte Herausforderung meines Lebens.
Natürlich noch im Rollstuhl lernte ich zunächst einmal viele Schwestern und Therapeuten und mit zunehmen-
der Mobilität auch andere Patienten und das Gelände der Klinik kennen, und so fühlte ich mich bald sehr wohl. Es wurde ein umfangreicher Therapieplan aufgestellt, der mich bis zum Nachmittag ausgiebig beschäftigte. Meine Tage waren ausgefüllt mit Physio- und Ergothe- rapie, Krankengymnastik, Bewegungstherapie für mei- nen Arm und die Hand, ausgiebigen Gleichgewichts- übungen, Gehen am Barren und nach einigen Wochen auch Bewegung im Wasser. Durch die Unterstützung der ausgezeichneten Therapeuten machte ich sehr schnell Fortschritte. Auch die Unterstützung durch einen Psy- chologen hat mir geholfen. Ebenfalls wurden meine Au- gen von einer Orthoptistin geprüft, die mir versicherte, dass sich die Doppelbilder mit der Zeit bessern würden und mein Gleichgewichtssinn wiederhergestellt würde. Es gehöre allerdings Geduld dazu. Das bestätigte auch die Meinung von Herrn Prof. Sure in Essen, der eine fast vollständige bis völlige Wiederherstellung der Mobilität prognostizierte. So erreichte ich langsam wieder meine Motorik und den Gleichgewichts- und Koordinationssinn.
Von kleinen Rückschlägen ließ ich mich allerdings nur selten aus der Bahn werfen. Das Motto NIEMALS AUFGEBEN prägt mich daher bis heute.
Nach 13 Wochen Reha-Aufenthalt mit vielen Lernerfolgen war es endlich soweit: Am 19.05. wurde ich entlassen. Ich konnte wieder selbstständig laufen, meine Motorik war noch nicht ganz hergestellt, aber ich konnte wieder eigenständig leben. Und das war einfach großartig! Wieder im alltäglichen Leben anzukommen, war aller- dings eine Herausforderung, die ich von Tag zu Tag an- gehen musste. Vor meiner Erkrankung besuchte ich die 11. Klasse des Gymnasiums. Durch den langen Ausfall war mir klar, dass ich entweder das Schuljahr wieder- holen müsste oder mir eine Alternative schaffen muss. Aufgrund der positiven Erfahrungen in der Reha-Klinik tendierte ich in diese Richtung. Mit Hilfe meiner Mutter fand ich einen Praktikumsplatz an drei Tagen der Woche im Krankenhaus meiner Erstaufnahme und besuche nun an zwei Tagen eine Fachoberschule Richtung Gesund- heit. Nach den Sommerferien habe ich noch ein Jahr bis zum Abschluss, und dann wird man weitersehen. Auch heute noch gehe ich regelmäßig zur Krankengymnastik und versuche zu joggen oder mache zu Hause Übungen.
          Liebe Leserinnen und Leser, sicherlich können Sie sich vorstellen, dass mein 18. Geburtstag Ende September 2016 ein ganz besonderer Tag für mich und meine Lie- ben war. Wir haben ihn daher auch besonders ausgiebig gefeiert. Auch wenn ich noch nicht 100 % wieder herge- stellt bin, weiß ich mich doch auf einem sehr guten Weg und bin voller Optimismus.
   45
Foto: © Kathrin Sachse





















































































   43   44   45   46   47