Page 24 - Das Magazin 2017
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 Juni 2017
  Das bedeutet, wie häufig treten symptomatische Blu- tungen auf und wie schwerwiegend verlaufen sie? In manchen Fällen kündigt eine Blutung nämlich weite- re nachfolgende Blutungen an. Man spricht von einem „Clustering“.
Zeigen sich also in kurzen Intervallen meh- re solcher Blutungsereignisse, ist eine ope- rative Entfernung zu erwägen.
In einer Vielzahl von Fällen tritt das Kavernom nach ei- ner Blutung jedoch wieder in eine längere „Ruhephase“ ein und kann beobachtet werden. Zeigen sich durch eine Blutung schwerwiegende Symptome (zum Beispiel Lähmungen), die keine Rückbildungstendenz zeigen, ist ebenfalls eine direkte operative Entfernung zu erwägen. Insgesamt sind schwerwiegende Blutungen bei Kaver- nomen im Großhirn relativ selten. Das jährliche Blu- tungsrisiko eines nicht aktiven Kavernoms liegt bei etwa 0,5-1%. Nach einem erstmaligen symptomatischen Blutungsereignis steigt das Risiko für eine weitere Blu- tung („Aktivierung des Kavernoms“, „Clustering“) jedoch deutlich an und liegt bei etwa 30% über 5 Jahre. Die klinische Erfahrung zeigt uns, dass bei Kavernomen im Großhirn die ausgelöste Epilepsie mit Abstand die Größ- te Rolle spielt.
Etwas komplexer stellt sich die Situation für Ka- vernome im Bereich des Hirnstamms dar.
Hier finden sich regelmäßig Kavernome (in etwa 30% aller Fälle). Der Hirnstamm ist ein tiefliegender Bereich des Gehirns von etwa der Größe des menschlichen Dau- mens. Hier werden sämtliche Hirnfunktionen verschaltet und umgeleitet, so dass es sich um einen der empfind- lichsten Bereiche unseres ZNS handelt. Entsprechend können auf der einen Seite Kavernom-Blutungen in die- sem Bereich schwerwiegende Störungen auslösen. Auf der andere Seite ist eine Entfernung des Kavernoms in diesem Bereich besonders anspruchsvoll und unter Um- ständen risikoreich. Grundsätzlich muss also das Für und
Wider einer Operation im Vergleich zu einer abwarten- den Haltung abgewogen werden. Hier spielt sowohl die genaue Lage im Hirnstamm als auch das bisherige Ver- halten des Kavernoms eine Rolle.
Das heißt, der Operateur muss die Zugäng- lichkeit des Kavernoms und die möglicher- weise entstehenden „Kollateralschäden“ mit den Risiken von weiteren Blutungen abwägen. Auch hier gilt, dass jeweils von Fall zu Fall Entscheidungen getroffen wer- den müssen.
Grundsätzlich kann man sagen, dass bei einer zweiten symptomatischen Blutung eine Operation erwogen wer- den sollte. In manchen Fällen kann aber auch bei einer ersten Blutung bereits eine Entfernung indiziert sein (gute Zugänglichkeit, große Blutung).
Weitere seltene Operationsindikationen stellen beson- ders große (mehrere Zentimeter), raumfordernde Kaver- nome dar, sowie Kavernome, die zu einer direkten Irri- tation von Hirnnerven führen oder die Zirkulation des Nervenwassers beeinträchtigen. Eine besondere Form stellen darüber hinaus die Kavernome des Rückenmarks dar, über die gesondert berichtet werden wird.
Operationsrisiken
Letztlich bestehen für alle Operationen im Bereich des Gehirns allgemeine Risiken, die sich je nach Kavernom nur geringfügig unterscheiden. Dies sind vor allem Infek- tionen im Bereich des Zugangs, Nachblutungen im Be- reich des Schädelinnern und andere allgemeine Risiken, besonders die der Vollnarkose. Diese Risiken sind grund- sätzlicher Natur und gelten im Endeffekt für jede neu- rochirurgische Operation. Sie sind insgesamt als relativ niedrig einzustufen. Die speziellen Risiken einer Kaver- nom-Operation sind schwierig zusammenzufassen, denn sie basieren auf der jeweiligen Lage des Kavernoms, das entfernt werden soll.
Je „sensibler“ der Gehirnbereich, desto hö- her das Risiko einer, gegebenenfalls auch dauerhaften, neurologischen Funktionsstö- rung.
Dies gilt vor allem für Kavernome im Bereich des Hirnstamms, wobei es je nach Hirnstammareal wiederum große Unterschiede gibt. Welcher Art die Funktionsstö- rungen seien können, hängt ebenfalls von der Lage des Kavernoms und dem geplanten Zugang ab. Größere Stu- dien haben ein Risiko von permanenten Funktionsstö- rungen von insgesamt etwa 10%-15% aufgezeigt. Auf
   Informationsportal für cerebrale Cavernome
  Unter dem Dach des Bundesverbandes Angeborene Gefäßfehlbildungen e.V.
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Foto: © Kathrin Sachse

















































































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