Page 18 - Das Magazin 2017
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 Juni 2017
  Gibt es neue Erkenntnisse in der Behandlung von Gefäßfehl- bildungen? Ein Kongressbericht aus Berlin.
Am 14. und 15. Oktober 2016 fand in Berlin ein in- ternationaler Kongress in englischer Sprache mit der Überschrift „Vascular Anomalies: Concepts and Controversies – Berlin – Eberswalde 2016“ (deutsch: „Gefäßfehlbildungen: Konzepte und Kontroversen“) statt.
Mehr als 100 Mediziner verschiedener Fachrichtungen, Pflegekräfte und Interessierte aus insgesamt 21 Ländern nahmen teil. Auch Mitglieder des Bundesverbandes wa- ren vertreten. Organisiert wurde die Veranstaltung durch das Zentrum für Vasculäre Malformationen Eberswalde (ZVM) am Werner Forßmann Krankenhaus in Eberswalde. Eberswalde ist eine Stadt mit 39.000 Einwohnern und einem großen Krankenhaus der Schwerpunktversorgung am Nordostrand von Berlin.
Insgesamt wurden 8 Themenfelder diskutiert. Das For- mat des Kongresses wurde bewusst so gewählt, dass zu jedem Thema nach einem Einführungsvortrag von 15 Minuten anschließend zwei Sprecher zu einer kont- roversen Frage jeweils fünf Minuten sprachen und da- nach ausführlich diskutiert werden konnte. Im Anschluss stellten Teilnehmer schwierige Fälle vor und lösten wei- tere intensive Diskussionen aus. Der Lerneffekt ist bei diesem Format für alle Teilnehmer wesentlich höher als bei den klassischen Konferenzen, bei denen ein Vortrag nach dem anderen gehalten wird und wenig Zeit für Dis- kussionen bleibt.
1. Klassifikation
Bevor ein Patient mit einem Hämangiom oder einer Va- sculären Malformation behandelt wird, sollte die Erkran- kung genau bezeichnet und eingeordnet werden. Dazu dienen Klassifikationen, auf die sich möglichst alle The- rapeuten einigen sollten. Dies ist im Interesse des Pa- tienten, der Anspruch auf eine geringe Fehlerquote bei der Diagnostik hat, um Falschbehandlungen zu vermei- den. Auch die Therapeuten sollten ein hohes Interesse an einer dem Wissensstand entsprechenden Einordnung haben, um sich untereinander auszutauschen und um Missverständnisse zu vermeiden.
Darum bemüht sich seit Jahrzehnten die internationale medizinische Fachgesell- schaft „International Society for the Study of Vascular Anomalies (ISSVA)“.
Alle zwei Jahre finden ISSVA-Kongresse an verschiede- nen Stellen der Welt, zuletzt in Buenos Aires 2016, statt,
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Dr. med. L. Meyer
auf denen der neueste Stand der Wissenschaft und The- rapie diskutiert wird. Dr. Michel Wassef, Pathologe am Hôpital Lariboisière in Paris, war aktiv an der Weiterent- wicklung der ISSVA-Klassifikation beteiligt. Er berichtete in Berlin über die letzte Version der Klassifikation von 2014 (abrufbar unteruwww.issva.org).
Die neue Klassifikation ist wesentlich detaillierter gewor- den. Zwei Haupttrends sind zu sehen. Das Wissen über genetische Ursachen vieler Fehlbildungen nimmt im- mer schneller zu. Genetische Sequenzierungen werden immer preiswerter möglich, dadurch sind immer mehr Untersuchungen überhaupt finanzierbar. Erstmals sind bei bestimmten Erkrankungen ursächliche Genverände- rungen mit aufgelistet. Zum zweiten werden die histori- schen Syndromnamen wie Klippel-Trénaunay-Syndrom, Proteus-Syndrom usw. immer mehr an Bedeutung verlie- ren. Wir haben gelernt, dass zum Beispiel Patienten mit dem Klippel-Trénaunay-Syndrom untereinander so viele unterschiedliche Ausprägungen haben, dass die Einord- nung immer unschärfer wird. Deshalb sind jetzt in der Klassifikation neben den historischen Namen die ver- schiedenen betroffenen Gefäßsysteme und Hauptsym- ptome aufgelistet.
2. Hämangiome und Co.
Hämangiome oder Blutschwämmchen entwickeln etwa 4% aller Neugeborenen. Wesentlich seltener sind ande- re Hämangiomformen („und Co.“), die in der ISSVA-Klas-
 Internationaler Kongress 2016 in Berlin-Eberswalde (deutsch: „Gefäßfehlbildungen: Konzepte und Kontroversen“)
 


















































































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