Page 45 - Das Magazin 2015
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  die gesamte Haut spannte, bekam ich vom Hausarzt eine Überweisung zur Hautärztin. Es folgte eine langwierige Behandlung mit viel Cortison, was die Haut noch dünner machte und eine fehlerhafte Behandlung war, weil man nicht nach der Ursache geforscht hatte.
Heute ist klar, dass ein Rheumamittel, welches ich zwei- mal die Woche spritzen musste, weil Tabletten die Leber angegriffen hatten, der Auslöser war. Die Gefäßerkran- kung hat an diesem Bein eine Wundheilungsstörung verursacht, gleichzeitig hatte ich Venenentzündungen, Stauungen, am Ende sehr große Schmerzen, und konnte nicht mehr laufen. Immer wieder folgten Cortison, Sal- ben, Verbände, Infektionen, weil das Immunsystem ver- sagte, Antibiotika, die Magen und Darm beeinträchtigten - bis die Gefahr der Blutvergiftung drohte, weil die Wun- den sich immer tiefer in das Gewebe hineinbohrten mit der Zeit. Die Ursache war immer noch unklar!
Irgendwann kam die Hautärztin darauf, mich zum Venen- arzt zu schicken wegen der Vorerkrankung. Das hat mich wieder mehr belastet, ich hatte sehr viele Arbeitsausfäl- le, sodass ab dem Zeitpunkt schon Krankengespräche im Betrieb geführt wurden, Besserung war nicht in Sicht.
Ich hatte mich aufgegeben. Ich musste fort- an um meinen Job fürchten, es folgten viele Klinikbehandlungen, stationäre Reha-Auf- enthalte und Wiedereingliederungen.
Die Ursache war noch immer unbekannt.
Der Venenarzt operierte mich dreimal mit dem Vorsatz, ich hätte ein Problem weniger. Das glaubte ich - ein Mal stationär, zwei Mal ambulant, beim letzten Eingriff hat sich unter dem Verband ein Loch (Ulcus) gebildet, das immer größer wurde. Der Venenarzt hat nicht reagiert, sondern es nur fotografiert. Der Verlauf wurde schlim- mer, die Wunde größer und sehr tief. Ab hier fanden nur noch Hautarztbehandlungen statt, keine ordentliche Kompression oder Verbinden waren möglich, weil die Wunde mehr und mehr infiziert - Eiter war die Folge und ständiges Desinfizieren, auch zu Hause.
Der Alltag bestand aus Sorge um den Arbeitsplatz, die Ungewissheit, ob die Wunde jemals heilt, und Behand- lungen. Stehen, Gehen, langes Sitzen waren unmöglich. Nach einigen Notfallbehandlungen in der Hautklinik, die nur kurzfristig Besserung zeigten, hat der Hausarzt eine Spezialklinik vorgeschlagen. Der Termin stand schon fest, Tage vorher konnte ich nicht mehr arbeiten, nicht mehr stehen, nur liegen, es gab Stauungen. Nur die Bei- ne hochzulagern brachte Linderung.
In der Notfallsprechstunde wurde auf Thrombose ge- tippt, dann aber ausgeschlossen. Durch die Vorgeschich- te und die hautärztliche Behandlung und den bevorste- henden Termin in der Spezialklinik wurde ich vorsorglich in die Kreisklinik gefahren. Diagnose: extreme Stauun- gen, schwere Hautveränderungen, Ulcus (Geschwür),
Thrombosegefahr. Ultraschall, Entwarnung. Die Gefahr der Blutvergiftung stand im Raum, auch die Amputation. Jahrelange Dauerbehandlung mit Cortison und Antibio- tika haben mich geschwächt, die Kündigung saß mir im Nacken, keine Heilung war in Sicht. Ich hatte keine Ener- gie mehr für die Spezialklinik.
Diese schaffte es aber, den Hautbefund etwas zu ver- bessern, die Wunde zu stabilisieren - mit Infusionen, starken Medikamenten, Antibiotika, Spezialmitteln für die Haut und das Blut, Präparate zur Förderung des Vi- taminhaushaltes, und Umschlägen. Allerdings habe ich von diesen 10 Wochen wenig mitgekriegt. Ich war wie im Delirium, einfach k.o. Die starken Infusionen haben mich geschwächt, ich hatte starke Schmerzen durch die Stauungen und wieder keine Energie mehr. Viel Schlaf war die Folge, ich durfte fünf Wochen nur liegen.
Beim ersten Versuch zu gehen - in den Speisesaal - hatte mein Kreislauf versagt. Fortan brauchte ich Krücken, und das als Hautpatient. Mein langjähriger Rheumatologe kennt die Nebenwirkungen um die Hautentzündungen und Gefäßveränderungen. Die Therapie, welche das Im- munsystem sehr schwächt, hat er trotzdem zu spät abge- setzt, erst als klar wurde, der Job steht auf dem Spiel, war Ihm die Tragweite bewusst. Die gesamte Behandlung war kontraproduktiv. Spritzentherapie und Infektanfällig- keit haben zeitgleich bewirkt, dass die Wunde sich nie schließen konnte. Zu dieser Zeit hatte ich auch eine dau- erhafte Bronchitis, die sich bis heute gebessert hat. Den TNF-Blocker, der auch in der Krebstherapie bei Chemo verabreicht wird, schwächt den Körper so, dass er keine Abwehrkräfte mehr aufbaut.
Einzig und allein eine Auflage mit Algenextrakt, die auch in die Wunde gelegt wurde, brachte etwas Linderung. Verbände, Desinfektion, Salben, Arztbesuche waren Alltag. Hohe Kosten bei der Apotheke ebenso, viele Be- handlungen, Verbände etc. waren selbst zu finanzieren. Und zu alledem war der Job weiter in Gefahr.
Wieder folgte eine Reha, Ärzte rieten zur Rente - da war ich 36 Jahre jung. Wieder Hautklinik, Blut, Labor, neue Hautekzeme am ganzen Körper, auf Berufsallergie ge- tippt mit fatalen Folgen. Der Betriebsarzt wurde infor- miert, ich musste mit Handschuhen arbeiten, Verdacht ohne Bestätigung. Stehende Tätigkeiten waren zu ver- meiden, sitzende wegen der Venen ebenso wie Heben wegen der Rheuma Versteifung der Halswirbelsäule. Trotzdem wollte ich weiter beruflich tätig sein.
Im Betrieb hatte ich jedoch intern keine Chance auf Anpassung vom Arbeitsplatz. Man wollte mich ab dem Zeitpunkt kündigen, zuerst mündlich, dann schriftlich, immer wieder seit Jahren. Immer wieder Gerichtstermi- ne, zwischen den ständigen Arztbesuchen und Klinikbe- handlungen. Mit Hilfe des Integrationsamtes und eines Anwalts habe ich das am Ende noch einige Jahre ge- packt. Heute bin ich Frührentner auf Zeit, der Kampf um die Gesundheit und den Job hat Spuren gezeigt. Schlaf- störungen, Bluthochdruck, Nervenbeteiligung. Das alles wegen der Vorgeschichte der Angiodysplasie.
Dezember 2015
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Foto: © Kathrin Sachse


















































































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