Page 40 - Das Magazin 2015
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 Dezember 2015
  Meine ersten 50 Jahre
Anno 1962 erblickte ich als Stammhalter mei- ner Sippe im Münsterland das Licht der Welt. Die Freude war bei allen riesig. Bis sie mich zum ers- ten mal gesehen haben. „Der sieht aber komisch aus im Gesicht“, waren die ersten Kommentare. Ab da ging die Lauferei meiner Eltern mit mir los.
Von einem Arzt zum anderen. Keiner wusste so wirklich irgendwas. Also ab zur Uni. Wie es in einer Uni-Klinik so ist, kommt erst der Assistenzarzt, dann der Arzt und Oberarzt, und zum Schluss der Professor. Auch diese wussten alle nicht viel. Das bedeutete, erst einmal in ei- ner anderen Abteilung vorstellig zu werden. Auch hier erfolgte dieselbe Prozedur, bis der Professor dran war. So ging es von der Hautklinik zur HNO-Klinik, dann in die Augenklinik usw. Ich glaube, bis auf die Frauenklinik war ich als Kind in jeder Abteilung.
Bei einer Vorstellungsrunde im Hörsaal sagte jemand, ich wäre ein „interessanter Fall“. Das brachte meine Mutter auf 180. Ich dagegen fand es als Kind immer span- nend und interessant.
Mit zwei Jahren kam ich in den Kindergarten und lernte dort meine erste große Liebe kennen. Die Erzieherin Ma- ria nahm mich immer auf den Arm, wenn ich mal leichtes Nasenbluten hatte. Mit ca. sieben oder acht Jahren soll- te eine Schichtdarstellung meiner Erkrankung am Kopf gefertigt werden. Da es noch kein MRT gab, wurde ich sechs Stunden lang geröntgt, wobei die Stellung immer nur um wenige cm verändert wurde. Auf der Heimfahrt bin ich sofort vor Erschöpfung eingeschlafen. Die an- schließende Diagnose war „Blutschwamm“. Man könne und sollte nichts machen. In der Grundschule fand ich meine zweite große Liebe, meine Deutschlehrerin Hil-
Wir haben alle
zwei Leben:
Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur ein Leben haben.
(unbekannt)
Werner Holtkamp
degard. Sie tröstete mich, wenn mich andere Kinder gehänselt hatten. Mit zehn Jahren wurde mir in
einer Hautklinik das Lippenbändchen ent-
fernt, damit meine Oberlippe nicht so
absteht. Der Krankenhausaufenthalt dauerte damals vier Wochen, Be- suchszeiten gab es nur am Mittwoch und Sonntag nachmittags. Auch nur für Eltern. Heute gibt es Elternzim- mer und Besuchszeiten fast rund um die Uhr.
Irgendwann bekam ich mal in einer
Hautklinik Make-Up, um den „roten Fleck”
im Gesicht abzudecken. Dieses hab ich ein
einziges Mal ausprobiert und dann nie wieder.
Meine Mutter sagte mir, dass ich damals gesagt hätte, das sei nicht ich. Zu diesem Zeitpunkt etwa hab ich mir dann gedacht, ihr könnt mich alle mal. Von den paar Idi- oten lasse ich mich nicht mehr ärgern und beleidigen.
Meine Eltern hatten immer unterschiedlich Schichtar- beit, sodass ich nachmittags draußen spielen musste. Ich hatte immer Freunde, als Kind genauso wie als Teenager. Es kamen dann auch Freundinnen dazu. Wir wurden zwar manchmal von den Mitschülern ausgelacht, aber als die mich kennenlernten, war alles im grünen Bereich. Ein paar Eltern meiner Freundinnen wollten mich ihren Töchtern ausreden, zum Glück hören Teenager nicht auf ihre Eltern. Und als die mich besser kennenlernten, war auch hier alles in Ordnung. Einige Eltern und Geschwis- ter meiner Ex grüßen nach all den Jahren immer noch.
Als Kind und Teenager hatte ich außer gelegentlichem Nasenbluten keine weiteren Probleme mit dem “Blut- schwamm”. Im Alter von etwa 18 Jahren stellte ich fest, dass der Gaumen einfach gewachsen war. Da ich dachte, ich hätte eine Entzündung am Zahn, bin ich zum Zahn- arzt gegangen. Dieser war meiner Meinung, nahm ein Skalpell und schnitt da kurz rein. Leider kam nur Blut heraus. Der Zahnarzt stoppte die Blutung und ließ mich gehen. Da ich keine weiteren Probleme mit dem Gau- men hatte, bin ich auch nicht zu einem anderen Arzt ge- gangen. Habe lieber den Führerschein gemacht, um mit meiner Clique in die Discos außerhalb unserer kleinen Stadt fahren zu können.
Ich bin zwar ab und zu blöd angesprochen worden, aber das war mir egal. Ich konnte ja schon damit umgehen. Das Gaffen legte sich, wenn die Leute einen öfter gesehen hatten. Das ist auch heute noch so.
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