Page 39 - Das Magazin 2015
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  Plötzlich müssen die beiden lachen. Es ist einfach zu komisch.
Denn dieser Klumpen, der sich bei Karl im Bauch und bei Jasper in der Brustgegend angesammelt hatte ist plötzlich weg. Sie hatten der Scham eins ausgewischt. Sie haben über sie gesprochen. Gemeinsam nehmen sie sich folgendes vor: Karl kommt ab nächstem Mittwoch wieder zum Fußball und wird seinen Trainer bitten ihn wieder als Spieler einzusetzen. Als Jasper ihm auch noch erzählt, wie sehr alle seine freudige Art vermissen, gibt ihm das zusätzlich Mut. Und Jasper? Der will sich in Ma- the wieder mehr melden. Denn auch er hat lange auf et- was verzichtet, was ihm eigentlich Spaß macht.
Sie wollen beim nächsten Waldspaziergang noch einmal drüber reden. Ob sie wieder gekommen ist. Diese hässliche Angst. Sie fühlen sich plötzlich un- glaublich stark. Zusammen.
Sie haben sie enttarnt. Ans Licht gebracht. Und da ist sie zusammengefallen. Wie ein Vampir bei Tagesanbruch. Natürlich haben die beiden, Jasper in Mathe und Karl beim Fußball, immer noch Momente in denen sie finden, dass sie es hätten besser machen können. Karl ist zwar mittlerweile ein passabler Pass-Spieler geworden, und
Kinder leben uns auf ihre ganz eigene, starke Art und Weise vor, worauf es im Leben wirklich ankommt: Dass wir über Angst und Scham reden. Dass wir uns ihr stellen. Unabhängig davon, ob ein Sieg garantiert werden kann oder wir in einen Pool voller Ungewissheiten springen.
Scham und Angst ergreifen auch uns Erwachsene nur allzu oft und gerne. Bei jedem sind es unterschiedliche Aspekte, die ihn davon abhalten, ein erfülltes Leben zu leben. Der eine traut sich nicht eine destruktive Bezie- hung zu beenden, weil das Single-Dasein ihm peinlich ist – alleine auf Partys zu gehen kommt nicht in Frage. Der nächste sagt im Meeting lieber nichts, weil er Angst davor hat, dass seine Ideen abgetan werden. Wieder ein anderer tritt den neuen Job gar nicht erst an, weil er findet, dass er nicht qualifiziert genug dafür ist. Manch einer ist auch den ganzen Tag lustig und gibt sich nie be- trübt, weil ihm das als menschliche Schwäche erscheint - außerdem will man ja auch niemandem zur Last fallen mit seiner Melancholie. Es kann bedeuten, dass man lie- ber jeden Tag bis spät in die Nacht arbeitet, weil man sich nicht wertvoll genug für soziale Kontakte fühlt - und es ist eine Definition aus unserer Leistungsgesellschaft, dieses „burn-out“. Klingt fast heroisch. Irgendwie. Oder? Wegen Verausgabung für andere selbst in einem nicht sozialen System fertig zu sein.
Wieso backen wir einen Kuchen für die Konfirmation des Nachbarkindes, obwohl das Wochenende voll ist bis obenhin und wir eine anstrengende Woche hinter uns
auch Jasper hat sich auf eine drei in Mathe hochgearbei- tet. Aber das ist irgendwie nicht mehr so wichtig.
Sie sind gut so wie sie sind. Jeder für sich. Mit Herz- fehler oder einer fünf in Mathe.
Und noch etwas wichtiges ist passiert: Diese Klöße aus ihren Körpern sind weg. Diese Stolpersteine, die jede Tat wie eine Entscheidung mit angezogener Handbremse wirken ließen. Jetzt können sie wieder lachen. So richtig. So, dass die Mädchen kichern und die Augen verdrehen. So gut die Augen verdrehen. Sie machen eben einfach wieder mit, die beiden.
haben? Weil es uns peinlich ist, nichts Gutes liefern zu können? Weil die anderen Mütter lästern werden?
Scham ist ein schäbiger Begleiter, der uns das Le- ben schwer macht und uns abhält, aus vollem Her- zen zu leben.
Als Erwachsene müssen wir dieser Scham sehr mutig entgegentreten. Weil wir keine Frau Dörrmann werden sollen, weil wir Vorbilder sind und weil unsere Scham meist ein über Jahrzehnte gewachsenes Ungeheuer ist, dass es gilt zu besiegen. Kulturen der Schuld und Scham - ob in Unternehmen, Schulen oder Familien - halten Menschen davon ab, Großes zu wagen. Wir sollten bes- ser füreinander offen sein. Für die Verletzlichkeit der Anderen. Für die eigene. Denn eine Welt, in der Angst darüber bestimmt, was wir tun und nicht tun, ist nicht die Welt, in der wir oder unsere Kinder leben wollen.
Es wird Zeit, dass wir darüber reden.
Die Geschichte und ihre Protagonisten ist zwar vollstän- dig erfunden, findet aber zum Glück jeden Tag in den Wäldern dieser Welt – in vielen mutigen Familien, Schu- len und Unternehmen und anderen Beziehungen – statt. All meinen starken Teenagern, die sich täglich diesem schrecklichen Gefühl der Scham aussetzen und gegen sie vorgehen, danke ich für ihren Mut mir ihre Geschich- ten zu erzählen und so mit ihnen lernen zu dürfen.
Dezember 2015
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Grafiken: © Matthew Cole - fotolia.de

















































































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