Page 38 - Das Magazin 2015
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 Dezember 2015
  Ich mache mit!
Ein Essay über Empathie, Mut, Angst und Scham
Karl, ein elfjähriger Realschüler, ist von seiner Statur her eher schmal und um einiges kleiner als seine Klassenka- meraden. Statt beim Fußball wild herumzutoben, spielt er eher von der Ersatzbank aus. Nämlich gar nicht.
Karl ist es peinlich, dass er aufgrund seiner Erkran- kung nicht so schnell und wendig ist, wie die ande- ren Kinder.
Er hat einen angeborenen Herzfehler. Wenn Karl bei frü- heren Spielen im Ballbesitz war, war er oft so aufgeregt, dass er den Ball gleich wieder an einen Gegner verlor. Sei- ne Mitspieler haben Verständnis für sein Handicap. Und doch fühlt er sich in solchen Momenten so klein und min- derwertig, dass er seinen Trainer bat, ihn als Ersatzspieler auf die Bank zu setzen. Er wäre lieber ein verlässlicher Teamplayer. Doch seine Erkrankung macht ihm schlicht einen Strich durch die Rechnung, sagte er seinem Trainer nach einem weiteren, verlorenen Spiel.
Karl bleibt jetzt lieber hinter der Linie. Obwohl ihm Fußball so großen Spaß macht.
Als Karl ein halbes Jahr nicht mehr richtig am Vereinssport teilgenommen hat, hat er sich immer mehr in sich selbst zurückgezogen. Er traut sich nun auch in anderen Berei- chen immer weniger zu und schiebt es auf seinen Herz- fehler. Doch eigentlich war die Holz-AG – seine zweite große Leidenschaft – für ihn gesundheitlich nie ein Pro- blem. Erst seit einiger Zeit klagt er über Erschöpfung und Bauchschmerzen beim langen Stehen an der Werkbank. Seine Eltern gingen einmal mehr mit Karl zu einer seiner Untersuchungen, die jedoch keine Auffälligkeiten ergab. Im Gegenteil. Der Arzt ermunterte Karl, sich wieder mehr zu bewegen. Das würde ihm gut tun.
Dennoch schaffte er es lange nicht. Bis zu dem einen Tag im August. An diesem Tag im August trifft sich Karl mit seinem guten Freund Jasper. Jasper spielt im gleichen Fußballverein wie Karl. Jasper ist gesund. Und einer der Jungs, die immer als erster in die Mannschaften im Schul- sport gewählt werden. Karl bewundert Jasper oft um seine Kraft und Schnelligkeit. Jasper mag dagegen Karls ruhige Art die Welt zu betrachten und überlegte Urteile zu fällen.
An dem besagten Tag haben sich die beiden Freunde ge- troffen, um im Wald herumzustromern und die Gegend hinter den Abholzgebieten zu erkunden. Sie haben sich jeder einen Stock zurechtgeschnitzt und marschieren mit ihren Wanderstöcken über die abgesägten Baumstämme, erklimmen die gestapelten Holzblöcke und sprechen über die neuesten PC-Spiele. Irgendwann kommen sie auch auf ihren Fußballverein. Tapfer erkundigt sich Karl, wie das Spiel am Wochenende war. An dem hat er, aufgrund einer
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Eva Klein
vorgeschobenen Magenverstimmung, auch nicht auf der Ersatzbank gesessen. Jasper sagt ihm, dass es ganz gut war. Sie haben 4:1 verloren, aber die Spieler der gegneri- schen Mannschaft waren auch alle ein bis zwei Jahre äl- ter. Und dann sagt Jasper etwas Überraschendes. Etwas, was ihre Freundschaft verändern sollte. Nämlich, dass er, Jasper, zwar gerne in dem Verein spiele, aber die Stim- mung nicht mehr so gut sei, wie zu der Zeit, als Karl noch mitgespielt hat. Warum er nicht mehr komme, will Jasper von seinem Freund wissen. Karl wird es heiß und kalt. Am liebsten würde er jetzt weglaufen. Aber er ist ja nicht so schnell. Und irgendwie wäre das auch blöd. Jasper hier einfach im Wald stehen zu lassen.
Der Schweiß fängt an, hässliche Ringe unter den Ach- seln auf dem T-Shirt zu bilden. Jasper ist ganz ruhig und spielt mit seinem Stock. Irgendwann antwortet Karl. Dass es ihm so peinlich sei. Die anderen wären in der Liga nur deshalb so weit unten, weil er ihnen in der Saison, in der er mitgespielt hat, zu viele Punktchancen vertan hat. Und außerdem erzählt Karl Jasper, dass er beim Ball- besitz meist so nervös und ängstlich sei weil er seine Mitspieler für einen guten Pass gar nicht sähe und ihm seine Beine nicht mehr gehorchen wollen.
Diese Angst führe dazu, dass erst recht das pas- siert, wovor er sich so fürchtet: Er verliert den Ball an den Gegner. Am Ende hat er sogar vor jedem Spiel Alpträume gehabt.
Mittlerweile sprudelt es aus Karl nur so heraus. Wie schlimm das dann ist. Er steht alleine auf dem Feld. Die Zuschauer rufen seinen Namen. Seine Mitspieler warten auf einen Pass. Aber sein Bein führt immer am Ball vor- bei. Es ist grauenvoll. Bis er schweißgebadet aufwacht. Jasper hört seinem Freund aufmerksam zu. Als er fertig geredet hat, glaubt Karl, Jasper müsse ihn jeden Moment auslachen. Weil peinlicher als Langsamkeit wegen ei- nes Herzfehlers ist doch nur noch, Alpträume zu haben. Mit elf! Doch Jasper wirkt sehr nachdenklich. Dann sagt er: „Ich kenne das. Das ist ein ätzendes Gefühl. Wir ha- ben in Mathe eine Lehrerin, die mich immer dann dran nimmt, wenn sich sonst keiner meldet. Dabei bin ich der schlechteste in Mathe. Sogar die Mädchen sind besser als ich. In Mathe! Da war ich mal sehr gut. Aber seit ich auf der neuen Schule bin, ist es anders. Frau Dörrmann hat einmal sogar die Augen verdreht und gestöhnt, als ich an der Tafel was vorrechnen sollte und es nicht stimmte. Die ganze Klasse hat daraufhin gelacht. Seitdem sitze ich in der letzten Reihe und versuche nicht aufzufallen.“
Karl hört die Worte seines Freundes, kann es aber nicht recht glauben. Jasper schämt sich auch?


















































































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