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 Dezember 2015
   Tabelle 1
 Allgemeinbevölkerung und nimmt damit etwa der Hälfte der Risikopersonen die Angst vor Komplikationen. Auf klinische und neuroradiologische Kontrolluntersuchun- gen kann verzichtet werden. Bei Nachweis der zuvor in der Familie gefundenen Mutation können individuelle Vorsorgeuntersuchungen und -maßnahmen erfolgen. Wenn die Einschlusskriterien für eine molekulargeneti- sche Analyse strikt eingehalten werden, ist die Wahr- scheinlichkeit, eine Mutation zu finden, bei familiären Kavernomen sehr hoch. Bei etwa 90% der Patienten mit positiver Familienanamnese und bei etwa 60% der Pa- tienten mit multiplen Kavernomen, aber leerer Familien- anamnese, werden Mutationen in den drei CCM-Genen gefunden.
Es hat sich herausgestellt, dass auch bei klinisch leerer Familienanamnese ein Elternteil eines Patienten mit multiplen Kavernomen und CCM-Genmutation Anlage- träger für die beim Kind identifizierte CCM-Genmutation sein kann und dann oft ebenfalls kleine, klinisch unauf- fällige Kavernome im Gehirn aufweist. Das Phänomen, dass nicht jeder Mutationsträger auch klinische Sympto-
me zeigt, bezeichnet man als unvollständige Penetranz. Bei der familiären Kavernomatose erkranken durch- schnittlich nur etwa 62% der Mutationsträger. Zudem kann Erscheinungsbild und Schweregrad der Krankheit von Kopfschmerzen über Krampfanfälle bis hin zu hä- morrhagischen Schlaganfällen sehr unterschiedlich sein.
In seltenen Fällen kann es sich bei CCM-Mutationsträ- gern ohne Familienanamnese um eine Neumutation handeln, die in der elterlichen Keimbahn stattgefunden hat. Neumutationen können ebenso wie die ererbten an Nachkommen weitervererbt werden.
Eine Erklärung für die niedrigere Mutationsdetektionsra- te bei Patienten mit multiplen Kavernomen ohne Famili- enanamnese sind somatische Mutationen. Hierbei han- delt es sich um Mutationen, die sich erst in einer frühen Zellteilung nach der Befruchtung ereignet haben. Diese können in den routinemäßig untersuchten weißen Blut- zellen nicht vorliegen und somit der Routinediagnostik entgehen.
Erst wenn im Rahmen wissenschaftlicher Studien ein zweites Gewebe untersucht wird – z.B. Mundschleimhaut oder Hautfibroblasten – erhöht sich die Wahrscheinlich- keit, dass eine solche Mutation entdeckt wird. Wenn eine somatische Mutation in den Ei- oder Samenzellen vor- kommt, kann sie ebenfalls an Nachkommen weitergege- ben werden.
Die familiäre Kavernomatose wird durch Mutationen in mindestens drei Genen ver- ursacht: CCM1, CCM2 und CCM3.
Je nach Studie tragen 60-63% der Patienten mit nach- weisbar erblichen Kavernomen krankheitsverursachen- de Veränderungen im CCM1-Gen, 18-19% im CCM2-Gen und 18-22% im CCM3-Gen (Tabelle 2). Fast alle bekann- ten Mutationen führen zu einem vorzeitigen Stoppko- don, d.h. die Proteinsynthese wird vorzeitig abgebro-
  Tabelle 2
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