Page 25 - Magazin Ausgabe 1, September 2012
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September 2012
Um jedem Patienten eine genaue Vorstellung von seinem individuellen Risiko von unerwünschten Begleiterschei- nungen zu geben, führen wir vor jeder Behandlung ein eingehendes Gespräch, in dem für die jeweilige Anwen- dung in der jeweiligen Erkrankungssituation die mögli- chen Probleme erörtert werden.
In der weit überwiegenden Mehrzahl der Erkrankungen, sind mehrfache Laserbehandlungen in Abständen von 6 bis 12 Wochen sinnvoll, bis eine Besserung oder Stabili- sierung des Zustandes erreicht wird, die eine längere Be- handlungspause erlauben. Sollte es später im Verlauf zu einer neuerlichen Verschlechterung kommen, was leider                                                         
die Regel ist, kann die Laserbehandlung jederzeit wieder aufgenommen werden. Eine Höchstdosis, wie z.B. in der Strahlentherapie, gibt es beim Laserlicht nicht.
                                                            Kombination aus verschiedenen Behandlungsmethoden sinnvoll. Wir arbeiten daher schon seit vielen Jahren mit Kollegen aus verschiedensten Fachgebieten (z.B. inter- ventionelle Radiologie, Gefäßchirurgie, MKG-Chirurgie, Kinderchirurgie) zusammen, von denen wir wissen, dass sie eine große Erfahrung in der Behandlung vaskulärer Malformationen haben. Nur so können wir sicherstellen, jedem Patienten in seiner ganz speziellen Situation das bestmögliche Behandlungskonzept zu empfehlen.
1975 („Katrin“)
Katrin saß in ihrem Bett und ver- suchte diese vermaledeiten Strick- nadeln unter Kontrolle zu bekom- men. Schwester Heike hatte sie ihr geschenkt, zusammen mit meh- reren Knäulen bunter Wolle. Sie meinte, ein Mädchen müsse stri- cken können.
Katrin fand das ziemlich doof, denn egal wie sehr sie sich bemühte, die Stricknadeln hatten ein Eigenleben.
Eigentlich wollte sie sich einen schönen Schal stricken. Das kann ja nicht so schwer sein, aber nun nach fast 3 Wochen schwerster Arbeit sah man, dass der Schal am unteren Ende, an dem sie begonnen hatte, fast doppelt so breit war als an der Stelle, die sie im Moment gera- de bearbeitete. Sie warf das Ganze gegen die Wand. Der dazugehörige Wutausbruch hatte wohl Schwester Heike im Schwesternzimmer alarmiert, denn sie schaute just in diesem Moment mit ihrem weißen, gestärkten Häubchen durch die Tür. „Na? keine Lust mehr?“, „Nein!“, sagte Kat- rin, „Diese blöden Nadeln gehorchen mir nicht!“.
Schwester Heike seufzte, setzte sich zu Katrin auf das Bett und nahm sich den Schal vor. „Gut, ein Schal wird das wohl nicht mehr. Aber was hältst du davon, wenn wir damit deine Puppe anziehen?“. Katrin sah sie fragend an. Heike nahm die Wolle, beendete die aktuelle Zeile und                                                         misslungenen Schal einen wunderschönen Anzug für Ka- trins Baby-Puppe. Die Puppe war Katrins einzige Zimmer- genossin. Seit fast 4 Monaten war Katrin nun schon hier auf der Säuglingsstation der Orthopädischen Klinik. Sie wusste nicht, warum es keine anderen Kinder in ihrem Al- ter auf dieser Station gab. Sowieso hasste sie dieses gan- ze Krankenhaus. Ihre Mutter kam sie zwar alle 2 Wochen am Sonntag besuchen, aber was waren schon 2 Stunden gegen diese ständige Langeweile?
Man wollte irgendwas an ihrem Knie operieren. Sie hat- te nur so viel verstanden, dass man versuchen wollte, ihr
Bein dazu zu bringen nicht mehr so schnell zu wachsen. Bereits jetzt war das linke Bein 4 cm länger als das rechte. Auch der Fuß brauchte einen größeren Schuh als der an- dere. Katrin störte das eigentlich nicht. Dieses hässliche Bein existierte für sie sowieso nicht. – Aber sie wurde ja nicht gefragt.
Zwei Mal in der Woche kam morgens ein Arzt zu ihr, der sie in einen Rollstuhl setzte und in die nahe gelegene Universität fuhr. Katrin hasste das. In dem Hörsaal war es kalt und niemand schien sie wahrzunehmen. Als ob sie nur aus ihrem Bein bestehen würde, wurde sie von den Studenten angestarrt. Sie saß in ihrem Unterhöschen auf dem Tisch des Hörsaales und versuchte irgendwie die- se eine Stunde zu überstehen. „Bitte beachten Sie die ausgeprägte Hypertonie der linken unteren Extremität der Patientin. Jedoch anders als bei einer Lymphdrüsen- Fehlfunktion fehlt die typische Dellenbildung.“
Der Professor kam von seinem Pult und drückte mit sei- nen kalten Fingern in Katrins Oberschenkel. Die Stelle wurde weiß, aber es blieb keine Delle. „Wenn Sie nun bitte nach vorn kommen würden“, fuhr er fort, „können Sie sich selbst an der Patientin davon überzeugen“. 50 Studenten standen von ihren Plätzen auf und drückten auf Katrins Bein herum. Sie umklammerte ihre Puppe und                                                              Hände hätten. Niemand sprach mit ihr oder schaute ihr auch nur ins Gesicht. Sie war einfach nur die Patientin mit dem Morbus-Klippel-Trenaunay-Syndrom, dieses äu-                                                                                                                   -                                                               wollte testen, ob der Professor Recht hatte. „Diese Kinder haben eine recht geringe Lebenserwartung. Selten errei- chen sie das 18. Lebensjahr.“ Hallo? Sie war hier! Sie hatte ein schlimmes Bein, aber sie war nicht taub.
Katrin wollte aufspringen und schreien, toben, irgendet- was kaputt machen. Aber sie saß nur da und klammer- te sich an ihre Puppe. Niemand bemerkte ihr Zittern. Sie wusste selbst nicht, ob vor Kälte oder Wut.
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