Page 17 - Magazin Ausgabe 1, September 2012
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September 2012
Es gibt auch viele Menschen, die fragen oder denken, dass Selina hingefallen sei, sich gestoßen hätte oder ir- gendetwas anderes. Man kann Menschen denken sehen. Aber auch hiermit geht Selina gut um. Sie sagt dann, dass sie so geboren worden sei. Das stimmt ja auch. Und zu- mindest die Kinder geben sich damit zufrieden. Für Kin- der scheint das Ganze weniger ein Problem zu sein als für die Erwachsenen!
Selina hat eine jüngere Schwester, sie kam völlig gesund zur Welt. Die beiden Mädchen spielen oft miteinander.
Zum Glück hatte Selina bis sie vier Jahre alt war wenig Beschwerden. In den letzten Jahren wird ihr Gesicht                                                         ärgert oder mit Freunden oder ihrer jüngeren Schwester sehr wild tobt. Aber wenn sie dann wieder ruhiger wird, dann schwillt auch ihre Wange wieder ab. Im Winter bei kälteren Temperaturen geht es ihr besser als im Sommer. Wenn es sehr warm ist, kribbelt ihre Wange und sie muss sie kühlen. Aber auch dann geht es ihr gut. Nur bei mir und meinem Mann bleiben die Ungewissheit und die Furcht vor dem, was vielleicht kommen kann.
Ansonsten entwickelt sich Selina wie ein ganz normales Kind, was sie ja im Grunde auch ist. Sie schwimmt sehr gern, ist Mitglied in einem Schwimmclub und schwimmt einmal in der Woche. Sie hat sehr viel Ausdauer im Was- ser – aber auch sonst beim Basteln, Malen oder Werkeln.
                                                                                                                        
ist, durfte dort kein Ohrloch durch gestochen werden. Ihre kleinere Schwester hat zwei Ohrlöcher und manch- mal wird unsere Große dann ganz traurig. Dann sag ich zu ihr: „Eins ist besser als keins und es gibt Schlimmeres.“ Aber in solchen Momenten kann ich mir vorstellen, wie schlecht sie sich fühlt. Und ich versuche ihr Mut zu ma- chen.
Ich glaube im Laufe der Zeit hat sich Selina zwar an ihren Flecken gewöhnt, aber dennoch bleibt es schwierig. Ob- wohl sie weiß, dass ihr Fleck nicht mehr weggehen wird, fragt sie manchmal: „Mama, wenn ich groß bin, ist dann der Fleck weg?“ Dann muss ich schlucken und sage ihr ehrlich, dass es nicht so ist, aber dass sie trotzdem ein ganz besonders hübsches Kind sei. Und dann schauen wir zusammen in den Spiegel.
Eines Tages habe ich zu ihr vor dem Spiegel gesagt, dass jeder Mensch etwas nicht so Schönes und etwas Schönes am Körper hätte. Bei ihr sei der Fleck nicht so schön. Dann sahen wir mich an, und auch bei Mama gibt es natürlich das ein oder andere, was nicht so schön ist. Danach haben wir geschaut, was alles schön an ihr sei. Und das waren viele Dinge: ihre Augen, ihr Lachen, ihr gewelltes Haar ...
Und wenn wir auf der Straße oder im Fernsehen andere Menschen im Rollstuhl sitzen oder mit einer anderen Be- hinderung sehen, dann sprechen wir darüber. Und wenn sie erkennt, was sie alles kann, was andere vielleicht nicht können, wie Gehen, Malen, Klettern, Rennen und vieles                                                         wirklich, dass es ihr ja eigentlich ganz gut geht. Dann tun ihr die anderen Menschen leid und sie wird traurig.
Kürzlich fragte ihre kleine Schwester: „Warum habe ich nicht so einen Fleck wie Selina???“ Tja, warum? „Ich weiß es nicht,“ habe ich geantwortet.
Wir machen uns immer Sorgen um Selina. Wir fragen uns, ob es ihr auch wirklich gut geht oder nicht. Wir haben Angst, weil wir nicht wissen, wie lange ihr Zustand so bleibt. Und irgendwo bangen wir um den Tag, an dem sich das vielleicht alles ändert. Ich probiere die Zeit zu mit ihr zu genießen. Jetzt. So lang es ihr einigermaßen gut geht.
Wir müssen stark sein. Unsere Kinder sind es auch.
Buchvorstellung
„Ein Drachenfreund für Linus“
von Patricia Schröder, Verlag: cbj empf. Alter: 6 - 7 Jahre
ISBN-10: 3570129713
Preis: 7,95 €
Dieses Buch ist eine Mischung aus Vorlesebuch und Erstlesebuch. Die Vorlesegeschichte in nor- maler Buchstabengröße wechselt sich ab mit Ab- schnitten zum selber lesen in großer Schrift.
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