Zwei Mediziner beschreiben ein neues Krankheitsbild

Die Hamburger Ärzte Professor Dirk A. Loose und Orthopäde Dr. Jürgen Hauert haben ihre Erkenntnisse an der Universität Harvard veröffentlicht. Im Juni fliegt Orthopäde Dr. Jürgen Hauert nach Boston, um die Erkenntnisse beim 17. Internationalen Workshop der Gefäßchirurgen vorzutragen.
von Gisela Schütte

(“Die Welt” vom 02.06.2008)

Als Mats Frederik Rann vor zehn Jahren geboren wurde, fielen seiner Mutter Claudia an seinem Bein bläuliche Verfärbungen auf. Die Ärzte maßen dem zunächst keine Bedeutung bei. Aber dann hatte der kleine Junge Probleme mit dem Fuß. Das Laufen lernen fiel ihm nicht leicht. Und als er vier Jahre alt war, begannen nach einer längeren Autofahrt die Schmerzen im Knie. Als sich die Beschwerden nicht besserten, ging Mutter Claudia Gramm mit dem Jungen zum Arzt. Und zum nächsten. Und zum nächsten. Dabei wurden die bläulichen Verfärbungen am Bein als Malformationen, als fehlgebildetes venöses Gefäßsystem, diagnostiziert. Die Knieschmerzen blieben. Am Ende hieß es: „Ihr Kind hat Rheuma.“

Wegen der Gefäß-Fehlbildungen kam Mats zu Professor Dirk A. Loose an die Klinik Dr. Guth in Klein Flottbek. Ein Glücksfall. Denn dort hatten der Gefäßspezialist Loose und der Unfallchirurg und Orthopäde Dr. Jürgen Hauert bereits eine ganze Reihe von Patienten mit ganz ähnlichen Beschwerden behandelt und das Leiden als charakteristische Krankheit beschrieben: Hauert Disease.

Das Leiden wird oft als Rheuma diagnostiziert

Angeborene Gefäßfehlbildungen sind für die Betroffenen eine große Belastung, weil sie häufig schon im Kinder- und Jugendalter zu Gelenkschäden an Knien und Hüften und in der Folge zu Schmerzen und massiven Bewegungseinschränkungen führen. Das Leiden wird oft fälschlicherweise als Rheuma oder Gelenkverschleiß diagnostiziert und behandelt – ohne Besserung. „Dabei kann ein spezialisiertes Therapiekonzept die Krankheit erheblich bessern“, sagte Hauert im Gespräch mit WELT ONLINE.

In der Zusammenarbeit an der Klinik Dr. Guth hatten die Ärzte nämlich über einen Zeitraum von 15 Jahren immer wieder bei Patienten das Auftreten von Malformationen von Gefäßen im Zusammenhang mit Gelenkschäden beobachtet. Die retrospektive Betrachtung zeigte, dass von 1304 behandelten Patienten mit dem

Gefäßschaden etwa jeder vierte auch Störungen des Bewegungsapparates aufwies. Bei rund 60 Patienten zeigten sich Veränderung der großen Gelenke, ein eigenständiges Krankheitsbild, eben die Hauert Disease.

Hauptziel ist, das Fortschreiten der Gelenkzerstörung aufzuhalten

Über die Entstehung und den Verlauf sei bislang wenig bekannt, sagte der Arzt, der dem Leiden seinen Namen gab. Hauert und Loose haben das Leiden aber exakt beschrieben und in Erkrankungsstadien eingeteilt, die die gezielte Behandlung erleichtern. So muss nicht nur ein funktionierendes Gefäßsystem hergestellt werden, es gilt auch beispielsweise Knorpelschäden und weitere, typische Gelenkveränderungen zu therapieren. Das bessert die Gelenkfunktion und nimmt den Kranken vor allem die Schmerzen. Hauptziel der Therapie ist, das Fortschreiten der Gelenkzerstörung aufzuhalten. Das wiederum erfordert eine frühzeitige Diagnostik und ein interdisziplinäres Vorgehen von

Gefäßchirurgien, Orthopädien und Radiologen, sagte Hauert, der gemeinsam mit Loose mit Unterstützung der in privater Trägerschaft geführten Klinik seine Forschungen „ohne Rücksicht auf Budgets verfolgen konnte“. Im fortgeschrittenen Stadium müssen die Patienten allerdings mit Kunstgelenken versorgt werden.

Die Hamburger Ärzte haben derweil ihre Erkenntnisse an der Universität Harvard veröffentlicht. Im Juni fliegt Hauert, Leitender Arzt an der Klinik Dr. Guth und niedergelassen in eigener Praxis auf dem Krankenhausgelände, nach Boston, um die Erkenntnisse beim 17. Internationalen Workshop der Gefäßchirurgen vorzutragen.

Mats Frederik kann unterdessen wieder gehen. „Er hat etliche Operationen mit großer Geduld über sich ergehen lassen“, sagt seine Mutter, Claudia Gramm. Und Mats ist froh, dass er nicht mehr vergeblich von Arzt zu Arzt laufen muss. Er erzählt bereitwillig über seine Krankheit, über Probleme, Schmerzen, die zu Hause vergessenen Krücken und über die Angst, als er noch nicht wusste, woran er leidet: „Ich möchte dazu beitragen, dass man anderen Kindern schneller helfen kann“ sagt er. Der durch die Gefäß-Malformationen beeinträchtigte Fuß macht ihm noch Probleme. Aber nach den Operationen kann er bereits Sport treiben, macht Judo und steht auf dem Fußballplatz bei seiner Mannschaft im Tor.

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